Commerce 2.0 für mehr Geschäft mit mehr Kunden

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Web 2.0 breitet sich unaufhaltbar aus. Was über Jahre als Evolution von
Internet-Anwendungen begonnen hatte und via O’Reilly einen Namen erhielt, beherrscht heute
schon fast täglich die Schlagzeilen und die Gerüchteküche. Online-Anwendungen wie YouTube,
Flickr, MySpace, Google oder Kayak beinflussen die Erwartungshaltung der Konsumenten
zunehmend und damit auch die Anforderungen an eCommerce. Hier gibt es viel Aufhol- und
Innovationsbedarf.
eCommerce 1.0 kommt in die Jahre
eCommerce ist eine Disziplin, die nun bereits mit über 10 Jahren Erfahrung gesegnet ist
und die beim Kunden auf immer grössere Akzeptanz stösst. Da müsste man davon ausgehen
können, dass die Anbieter ihre Hausaufgaben gemacht haben. Weit gefehlt, die Realität
sieht anders aus!
Aus Benutzersicht sind viele eCommerce-Angebote unbefriedigend:
Produkte
können kaum gefunden werden, weil die Suche nur Teile der Inhalte erfasst, mit
"unscharfen" (fuzzy) Suchbegriffen nicht umgehen kann oder schlicht nicht korrekt
funktioniert. Der Weg von der Produktauswahl bis zum Abschluss der Transaktion ist so
langwierig, kompliziert und vielleicht gar unverständlich, dass ein erheblicher Teil der
Einkaufstransaktionen gar nie vollendet werden. Der potentielle Kunde wird schlecht über
Produktverfügbarkeit und Lieferungsoptionen informiert und verzichtet daher auf einen
Kauf. Es werden zu wenig Zahlungsoptionen angeboten. Und schlussendlich wird der Kunde
über den Verlauf der Lieferung nach Abschluss der Transaktion gar nicht oder nur schlecht
informiert, was zu Unklarheiten, Unsicherheiten oder gar Stornierungen oder
Doppelbestellungen führt.
Die Anbieter scheinen sich der Konsequenten nicht bewusst zu
sein
Gemäss JupiterResearch wurden bereits im Jahre 2005 27% der Kaufentscheidungen – ob online
oder offline – durch das Internet beeinflusst. Dieser Anteil soll bis 2010 auf über 50%
ansteigen. Und es kommt noch schlimmer. Allurent fand in einer Untersuchung heraus, dass
28% der durch eine schlechte Internet-Angebot frustrierten Kunden auch nicht mehr im
physischen Geschäft desselben Anbieters einkaufen.
Gründe genug, die eCommerce-Präsenz
professionell und durchdacht zu bauen und zu betreiben. Über die letzten Jahre haben
viele Anbieter die Online-Präsenzen vernachlässigt oder zumindest nicht verbessert, die
Infrastruktur liegt oftmals im Argen, Technologien sind obsolet, Lösungsbestandteile
schlecht integriert. Einer möglichen Anwendungsverbesserung oder –erweiterung bietet sich
damit ein schlechtes Fundament. Dies wird gerade in einer Zeit, wo die Ansprüche mit Web
2.0 sprunghaft wachsen, zu einer enormen Herausforderung.
Commerce 2.0 oder der Einfluss von Web 2.0 auf eCommerce
Ermöglicht durch hohe Brandbreiten, die eine schnellere Übertragung von umfangreicheren
Inhalten (Bild, Ton, Video/Animationen) erlaubt, Innovationen im Browser, welche
interaktivere und mit bewegten Bildern angereicherte Dialoge zulassen, sowie offene
Standards (RSS/Atom) und einfach nutzbare Schnittstellen (REST), die den Austausch von
Informationen zwischen Sites und zwischen Sites und Benutzern auf einheitliche Art und
Weise unterstützen, haben sich mit Web 2.0 neuartige Bedienungsformen und
Kommunikationsmuster etabliert.
Rich Internet Applications erlauben eine Interaktvität im
Browser, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Mash-Ups, also die Verbindung
unterschiedlicher Datenquellen und webverfügbaren Funktionalitäten zu neuen Anwendungen
durch einfache Programmierung oder gar durch den Benutzer selber führen zu völlig neu
gearteten Verwendungsweisen und Verknüpfungen. Abonnierbare Inhalte werden unabhängig von
der Ursprungsumgebung konsumiert. Moderne Internetapplikationen bieten gerade dem
eCommerce-Nutzer damit viele Möglichkeiten, ein Produkt zu betrachten, zu kommentieren, zu
diskutieren, zu konfigurieren und sogar mitzugestalten.

Nutzung von "Rich Media", Analytics und benutzerbeigesteuerte Inhalte und
Bewertungen in bereits existierenden Online-Anwendungen
Um Commerce 2.0 zeigen sich heute die folgenden Trends:
- Interaktivität und Ausgestaltung des Frontends auf höchstem Niveau:
eCommerce-Sites sind von den neuen Möglichkeiten und auch Benutzer-Ansprüchen rund um Web
2.0 besonders betroffen. Gerade hier werden die Konsumenten auf innovative Lösungen pochen
und insbesondere bezüglich der Benutzerschnittstelle (Stichwort RIA – Rich Internet
Applications) nur mit dem Besten zufrieden sein. Der Einsatz von Bild, Video ist hier
besonders erwähnenswert, aber auch innovative Konfigurations- und Simulationshilfsmittel
(z.B.: wie würde das zu kaufende Sofa in meinem eigenen Wohnzimmer aussehen).
- Einbezug sozialer Netzwerke und unabhängiger Beinflusser:
Käufer vertrauen oft ihren Verwandten oder Bekannten, wenn sie sich Produkte empfehlen
lassen. Sie bevorzugen Bewertungen und Kommentare unabhängiger Dritter (z.B. anderer
Kunden) und sie sind auch selber bereit, ihre eigenen Erfahrungen mitzuteilen.
Fortschrittliche Online-Retailer nutzen diese Kräfte, um ihren eigenen Kunden einen
Mehrwert bieten zu können. Eine Promotion von Produkten auf MySpace oder YouTube kann
oftmals erfolgsversprechender sein, als eine weitere eigene Website zu bauen. Und auch die
Angst vor Kunden, die mit schlechten Feedbacks zu Produkten andere Kunden vergraulen ist
weitgehend unbegründet. Gemäss einer neueren Untersuchung von Forrester sind über 80% von
Kunden-Reviews positiv und selbst negative Bewertungen führen nicht unbedingt zu
Umsatzverlusten, da die Konsumenten in vielen Fällen trotzdem kaufen.
- Spezialisierung:
Mehr und mehr fokusieren eCommerce-Anbieter auf ihre Kernkompetenzen und lagern
Teilprozesse aber auch Funktionalitäten aus. Ein Beispiel sind die bereits früher
erwähnten Kunden-Feedbacks. Mit dem Entstehen spezialisierter Online-Foren für den
Vergleich von Produkten, Preisen und Charakteristiken von Produkten inklusive Bewertungen
der Produkte durch die Konsumenten kann es für manchen eCommerce-Anbieter sinnvoll sein,
diese mitzubenutzen. Mit Google Checkout kann das gesamte Bezahlwesen ausgelagert werden.
Spezialisierung tritt aber auch bezüglich der Gestaltung des Angebotes auf, und kommt
insbesondere zusammen mit dem nachfolgend beschriebenen Trend zur Aggregierung vor.
- Aggregierung und Vervollständigung des Angebotes:
Dank einfacher offener Standards für die Anwendungsintegration können heute sogenannte
"Mash-Ups" mit verhältnismässig geringem Aufwand erstellt werden. Dies erlaubt es einem
Anbieter sein eigenes Angebot mit Produkten anderer Anbieter zu vervollständigen. Der
Shopping-Cart bleibt einheitlich und der Konsument hat eine durchgehende
Bedieneroberfläche.

Eine Commerce 2.0 Architektur

Das moderne Commerce-2.0-Angebot ist auf drei Funktionsblöcken aufgebaut:

Commerce 2.0 Funktionsblöcke
- Das integrale/konsolidierte Shopping-Frontend bietet dem Kaufinteressierten eine
einheitliche und einfach und effizient benutzbare Sicht auf Produkte, Dienstleistungen und
Zusatzinformationen, unabhängig davon, ob diese Inhalte selbstproduziert oder von
Zuliefern (z.B. via REST-APIs) kommen. Durch gezielten Einsatz von bewegten und stehenden
Bildern, Simulationsmöglichkeiten und Interaktionsmöglichkeiten wie Chat oder sogar
Sprachkombination wird der Kaufprozess so einfach wie möglich gemacht. Der Kunde wird in
die Inhaltsgestaltung einbezogen, sei es durch "Tagging" (Benennung von Kategorien) oder
durch Produkt-Ratings und –Feedbacks.
- Das Backend unterstützt die Standard-Funktionalitäten des Online-Shoppings. Dazu gehören
Katalog-Management, Shopping-Cart und Transaktionsstatus. Oftmals werden existierende
Shopping-Backends auch für Commerce 2.0 weiterverwendet werden können.
- Für den Brand- und Produkt-Manager wird eine Toolbox bereitgestellt, die es ihm erlaubt,
einerseits das Angebot flexibel zu verändern, andererseits die Resultate seiner Arbeit
kontinuierlich zu überwachen.
Innovationskraft wird insbesondere im Frontend und in der Toolbox gefordert. Die Ansprüche
an die Backend-Funktionalität haben sich nicht grundlegend gewandelt, aber im
Frontend-Bereich genügen traditionelle Shopping-Lösungen und die zugehörigen Plattformen
mit ihrer Fokussierung auf HTML den Ansprüchen nicht mehr.
Rich Internet Applications
(RIA) verlangen nach Einsatz von modernen Frontend-Technologien wie DHTML, Ajax, SVG oder
Flash. Auch sind die meisten heutigen Produkte nicht auf schnelle Veränderungen und
flexible Einbettung in immer wieder andere Umfelder ausgerichtet.
Moderne Open-Source-Frameworks und –plattformen (z.B. OpenLaszlo, Dojo, OpenRico, Ruby on Rails,
PHP/Symfony) unterstützen ein "agiles" und "perpetual beta" getriebenes Vorgehen und
stellen sicher, dass schnell Resultate geliefert werden können und die Kosten im Rahmen
bleiben. Commerce 2.0 sind oftmals reich an Inhalten, die über den eigentlichen Katalog
herausgehen, die vom Konsumenten abonniert werden können und über andere Kanäle wieder die
Nachfrage nach den Produkten steigern sollen.
Um ein modernes Content Management System
kommt man hier kaum herum. Open-Source-Technologien sind bestens positioniert, diese
Funktionalitäten abzudecken, genauso wie allfällige Anforderungen nach Blogging- und
Wiki-Plattformen. Die Suche ist für den Konsumenten oftmals der schnellste und wichtigste
Weg zum Produkt. Entsprechend viel Gewicht sollte auf eine konsequente Umsetzung der
Anforderungen in diesem Bereich gelegt werden. Die Open-Source-Suchmaschine Lucene hat
sich für die unterschiedlichsten Anwendungsfelder bewährt und kann dank
Quellcode-Offenheit auf die spezfischen Bedürfnisse hin angepasst werden. Beim Frontend
führt also kaum ein Weg an Open Source vorbei.
Für die Implementierung der eCommerce-Plattform (Fokus Frontend und Backend) ergeben sich
meist die folgenden Optionen:

Vor- und Nachteile unterschiedlicher eCommerce-Implementierungsoptionen
Welche Option die richtige ist, ist oftmals von den verfügbaren Mitteln und insbesondere
den Informatik-Fähigkeiten abhängig. Sind die Ansprüche sehr individuell, wird man kaum um
die individuelle Gestaltung des Frontends herumkommen, kann man hingegen mit einem
Standard-Shop leben und ist bereits SAP-, Microsoft- oder Oracle-Nutzer für ERP und CRM
wird man oftmals wohl auch auf dieselbe Technologie für die Frontendimplementierung
vertrauen – und dabei aber auch auf die Möglichkeiten rund um Web 2.0 verzichten.
Der dritte Funktionsblock der Commerce-2.0-Plattform ist die Toolbox, die Hilfsmittel für
die Angebotsdefinition, Ausgestaltung und Steuerung des Online-Shops bereitstellt.
Analytische Instrumente werden hier genauso benötigt, wie Tools, die die
Marketing-Prozesse unterstützen oder das Anpassen von Design- und Gestaltungselementen
erlauben. Kaum eine Standard-Plattform kann hier optimale Werkzeuge anbieten, nur ein
Best-of-Breed-Ansatz, angepasst auf das eigene Geschäftsmodell und die angepeilten
Zielgruppen, führen hier zum Ziel. Und auch hier unterstützen Open-Source-Instrumente
wegen ihrer Anpassbarkeit eine enge Integration sehr viel besser, als proprietäre
geschlossene Produkte.
Erschienen: 08/2007
Autor: Bruno von Rotz

|  | Bruno von Rotz ist Vice President Research & Strategy und Country Manager Schweiz von Optaros.
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