Digitalisierung in der Stahlbranche: Auf dem Weg zur personenlosen Fabrik

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Wie viele andere Industrien träumt auch die Stahlbranche von digitalen Lösungen, die teures Personal auf kurz oder lang überflüssig machen werden. Das ist ein ambivalentes Thema. Einerseits  sind Jobverluste aufgrund von Automatisierungen eine schwierige Angelegenheit, denn die Arbeitnehmer müssen ausreichend entschädigt oder umstrukturiert werden.

Andererseits sind Jobs in der Stahlbranche oft sehr gefährlich und anstrengend, wohingegen Maschinen die hohen Temperaturen und Gefahrenquellen weniger fürchten müssen. Dieser Artikel wirft einen Blick auf die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Stahlbranche – auch jenseits der Automatisierung.

Stahlbranche öffnet sich nur langsam innovativen Mitteln und Methoden

Die Stahlindustrie ist eine Branche mit großer Tradition in Deutschland. Hochwertige Edelstahlrohre werden in Deutschland beispielsweise vom Werkstoffhändler Klöckner & Co seit Jahrzehnten in einer Qualität hergestellt, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und berühmt ist. Überall dort, wo Branchen mit ihren altehrwürdigen Produkten nach wie vor vergleichsweise gute Absätze erzielen können, ist die Bereitschaft für Innovationen traditionell eher gering. Aber in der Stahlbranche tut sich was.

So initiierte beispielsweise die Zeitung Handelsblatt im vergangenen Jahr eine Tagung mit dem Titel „Zukunft Stahl“, wo auch digitale Lösungen diskutiert wurden. Den Skeptikern wurde dort gezeigt, dass auch traditionelle Branchen in naher Zukunft an der Digitalisierung nicht vorbeikommen werden, wenn sie weiterhin wettbewerbsfähig bleiben wollen. Überall dort, wo digitale Technologien Kosten sparen, werden auch Traditionsbranchen unter Beschuss genommen und können ernsthafte Probleme durch neue, modernere Konkurrenten bekommen.

Das betrifft nicht nur die Automatisierung in der Produktion, sondern auch die Vertriebswege. Schon jetzt werden Apps entwickelt, die den schnellen und flexiblen Kauf von Materialien – unter anderem Stahl – sehr viel einfacher machen können. Große Teile der Stahlproduktion beruhen schon heute auf Standardisierungen und wiederkehrenden Transaktionen. Solche Prozesse können besonders leicht an intelligente Systeme gekoppelt werden, um beispielsweise Standard-Anfertigungen oder Lieferungen noch schneller abwickeln zu können.

Kleine und mittelständische Unternehmen sind gefragt

Die großen Konzerne in der Stahlbranche haben die Mittel, diese neuen Wege experimentell zu erforschen. Schwierigkeiten könnten auf lange Sicht vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen bekommen. Hier ist zwar die Bereitschaft für Innovationen oft höher, die zur Verfügung stehenden Mittel sind aber seltener gegeben. Kleine Unternehmen können es sich beispielsweise nicht leisten, eine teure Vertriebs-App entwickeln zu lassen, die auf lange Sicht zwar einen Zuwachs an Komfort für die Kunden bedeutet, aber keinen echten Gewinn erwirtschaften kann.

Hier ist Unternehmergeist gefragt: Kleine und mittelständische Betriebe müssen die Entwicklungen in der Branche wachsam verfolgen und rechtzeitig auf jene Technologien aufspringen, die wirklich gewinnbringend sind. Die Vorarbeit leisten hier die Global Player: Sie testen die Möglichkeiten und tragen das Verlustrisiko, das sie nicht selten problemlos ausgleichen können. Wie in vielen anderen industriellen Branchen gilt hier: Der Informationsvorteil wird zum Wettbewerbsvorteil.